Sebastian Donadio ist vielseitig begabt
Mehr als ein Krächzen ist es nicht, was Sebastian Donadio derzeit herausbringt. Er ist böse erkältet. Das ist keine schöne Sache für einen Radprofi. Es drückt gewaltig auf der Brust, wenn die Kollegen gnadenlos das Tempo anziehen, jeder Atemzug tut höllisch weh. Der Temperaturunterschied von mehr als 40 Grad zwischen seiner Heimat Argentinien und dem deutschen Winter war schuld daran, schätzt Donadio. „Aber ich bin ein Kämpfer, ich werde mich durchbeißen durchs Rennen", sagt der Mann mit dem markanten Bärtchen und dem Zopf unterm Helm.
Es ist doppelt bitter, dass die Stimme weg ist. Dass er nicht so richtig sprechen kann, wird er noch am ehesten verkraften. Richtig enttäuscht ist Donadio, dass er mit seiner Erkältung nicht singen kann. Denn die Musik ist neben dem Radrennen seine große Leidenschaft. Beim Sechstagerennen in Zürich vor einigen Wochen war im Showprogramm von einem Sänger namens „Seba" zu lesen. Der stand dann auch hinter seinem Keyboard auf der Bühne und begeisterte die Zuschauer mit seinen Balladen. Als der Applaus verklungen war, zog der Künstler seine Jacke aus. Ein Radtrikot kam darunter zum Vorschein - „Seba" hatte sich in Sebastian Donadio, den Radprofi, verwandelt. „Vielleicht klappt es in Bremen ja noch am Finalabend", hoffte Donadio am Samstag.
Die Liebe und das Talent zum Radsport waren ihm in die Wiege gelegt worden. Vater Eduardo ist ebenfalls Radsportler, schon der Großvater fuhr Rennen, als die Familie Donadio noch in Italien lebte. Eduardo Donadio hat Sebastian seine Philosophie mit auf den Weg gegeben: Der Radsport sei eine Schule fürs Leben, Synonym für Gesundheit, das Training eine Art Spiegelbild der Persönlichkeit und der sozialen Kompetenz eines Menschen. Längst versucht Sebastian nun sein Wissen und diese Philosophie weiterzugeben an Nachwuchsfahrer. In Buenos Aires betreibt er als Chef eines Familienunternehmens eine „Escuela de ciclismo", also eine Radsportakademie. Dreimal in Folge wurde diese zur besten Argentiniens gekürt.
Seit der Kindheit ist Sebastian Donadio auf dem Rennrad unterwegs. Er war panamerikanischer- und südamerikanischer Meister und mehrfacher argentinischer Landesmeister. In Europa fuhr er vor gut fünf Jahren sein erstes Sechstage-Rennen im italienischen Fiorenzuola. 2006 konnte er an der Seite von Marco Villa in Turin sogar den ersten Sixdays-Sieg verbuchen. Gemeinsam mit seinem Landsmann Walter Perez, Madison-Olympiasieger 2008 und Weltmeister von 2004, siegte Donadio im vergangenen Jahr noch einmal in Cremona. Sein großer sportlicher Traum, die Teilnahme an den Olympischen Spielen, hat sich nicht erfüllt. Zu stark war zunächst die Konkurrenz im eigenen Land mit den Curuchet-Brüdern und Walter Perez. Doch Donadio träumte weiter. Warum sollte er nicht 2012 in London am Madison teilnehmen? Die Antwort gab ihm das Internationale Olympische Komitee (IOC), indem es seine Paradedisziplin, das Madison, aus dem Programm nahm.
Der 38-Jährige will auch nach dem inzwischen absehbaren Ende als Radprofi weiter als Trainer in seiner Schule arbeiten. Dabei hat er „nebenbei" Jura studiert und könnte deutlich mehr Geld als Rechtsanwalt verdienen. „Aber das ist nicht das Wichtigste im Leben", sagt er, „entscheidend ist, dass du mit dem Herzen, mit Leidenschaft bei dem bist, was du tust." Das ist nun mal der Radsport, und natürlich die Musik. In rund drei Monaten wird die erste CD mit seinen Songs herauskommen. Keine massenkompatible Ware für die Charts, eher leise Töne. Es läge „Seba" völlig fern, Musik zu machen, hinter der er nicht hundertprozentig steht.
Donadio hat einige Sechstage-Veranstaltungen erlebt, so etwas wie Bremen hat er noch nicht gesehen. „Eine Riesenparty mit Radfahrern mittendrin", nennt er das Bremer 6-Tage-Rennen. „Es ist fantastisch organisiert", lobt er Frank Minder und sein Team, „und das Fahrerfeld ist erstklassig besetzt." Das allerdings bekommt der erkältete Donadio eisenhart Abend für Abend zu spüren. Gemeinsam mit dem jungen Tschechen Vojtech Hacecky sieht er zumeist nur die Hinterräder der Konkurrenten. Aber er hat es versprochen, er beißt sich durch. Und wenn die Stimme wieder da ist, dann wird er auch noch singen.








